Moral
Wie ich meine Liebe zum Theater entdeckte…
Schon als ich klein war, gingen meine Eltern mit mir immer
ins Theater, sogar in die Oper oder in das Ballett. Ich bin
gehörlos, deshalb war natürlich die Voraussetzung, dass ich
vorher die Geschichten kannte. Das Besondere war, dass wir
immer auf den vorderen, teureren Plätzen saßen, damit ich
mehr von der Bühne sah und weil meine Eltern glaubten, dass
ich dadurch besser von den Lippen der Schauspieler ablesen könnte.
Ich war aber mehr von der Bühnenlandschaft und den Bewegungen
der Schauspieler fasziniert. Nachher mussten mir meine Eltern
natürlich nochmal alles von der Inszenierung erzählen. Dadurch
entstand die Liebe zum Theater.
… und zum Gehörlosentheater kam
Es macht mir Spaß zu sehen, wie gehörlose Schauspieler ihre
Figuren in allen Theaterformen versinnlichen und sie damit
sehr realistisch und glaubhaft erscheinen lassen. Das ist die
Besonderheit ihrer Aufführungskünste.
Eines Tages kam Gertraud Sailer zu mir und fragte mich, ob
ich ein Textscript für eine Inszenierung mit gehörlosen
Schauspielern schreiben könnte. Dass sie mit dieser Bitte zu
mir gekommen ist, war für mich eine Ehre. Dafür bin ich ihr
dankbar. Ich habe das sehr gerne gemacht. Seitdem bin ich
Regisseurin des Deutschen Gehörlosen Theaters und habe
schon vier Theaterstücke inszeniert, darunter "George Dandin"
von Moliere, "Elektra" von Sophokles, "Beatrix von der Hohen Wacht"
von Herbert Rosendorfer und "Moral" von Ludwig Thoma.
Eine große Unterstützung bekomme ich von Thomas Mitterhuber
als meinem Co-Regisseur. Denn eine Inszenierung aus
der klassischen Literatur in die Deutsche Gebärdensprache 1:1
umzusetzen ist eine große Herausforderung, sowohl für mich,
als auch für die gehörlosen Schauspieler. Und da ist die Bühne
ein einzigartiger Raum, um solche Erfahrungen zu machen und
experimentieren zu können. Es macht mich glücklich, dass
das Deutsche Gehörlosen Theater wieder zum Leben erwacht ist.
Elisabeth Pinilla Isabela